Dennis und sein Fuzz oder: Wie der Grunge zu den Heydays zurückkehrte

Eigentlich ist es mir überhaupt nicht egal, was da auf den kleinen Blechbüchsen am Boden draufsteht, obwohl ich es mir vermutlich nicht anmerken lasse. Ich achte stets auf ein gepflegtes und abwechslungsreiches Sortiment renommierter Herstellernamen. Und dabei benötigt man doch im Idealfall gar keine derartiger Kästchen. Ein geiler Amp mit einer ordentlichen Gitarre tut doch schon alles, was man braucht. Zugegeben: Die Auswahl der Bodentreter ist gigantisch und sehr verführerisch. Wie vermutlich jeder Gitarrist weiß, ist die Bestückung des Effektboards vor den Füssen ein durchaus aufwändiges und zeitintensives Unterfangen mit so einigen Höhen und Tiefen. Was am Ende aber immer noch bleibt sind die fortwährend an einem nagenden Zweifel. Hab ich nun das ideale Setup? Soll ich vielleicht doch die andere Zerre nehmen? Brauch ich den Chorus überhaupt?

Das kann einen auf Dauer schon in den Wahnsinn treiben. Man sitzt dann beispielsweise in einer Besprechung während des seriösen Arbeitsalltags und zeichnet Effektketten aufs Papier. Oder man erwischt sich beim Gang in die Vorlesung in Gedanken versunken, ob man jetzt die eine oder vielleicht doch die andere Tretmine auf dem Board lässt.

Als eine wichtige Regel gilt: Der Platz ist begrenzt. Das ist zumindest meine Ansicht. Ich habe keine Lust darauf ein 3 Meter langes und 10 kg schweres Effektboard zu schleppen. Und die steigende Anzahl elektronischer Verbraucher auf meinem Board erhöht die Anzahl der möglichen Fehlerquellen und damit statistisch die Wahrscheinlichkeit von Ausfällen oder ähnlichen Problemen.

Wie auch immer: Als bekennender Vertreter und langjähriger Anwender des Big Muff von EHX war ich ausnahmslos immer zufrieden. Über den EHX Muff kann man sich sehr umfangreich im Netz informieren. Es gibt inzwischen eine Subkultur von Leuten, die das Ding umbauen, Reviews schreiben oder einfach nur feiern. Mit einem Fuzz kann man einfach so viele tolle Dinge machen [siehe hierzu zahlreiche Beispiele aus der zeitgenössischen Musikszene, aber auch aus vergangenen Dekaden]. Und der Big Muff, oder der Little Big Muff (den ich bevorzugt gespielt habe), ist ein wahnsinnig ausgereiftes Teil, das sich über alle wichtigen Rockepochen, über 40 Jahre hinweg, bewährt hat, und das Ganze noch zum super Preis-Leistungsverhältnis. Dennoch hatte ich irgendwann das Gefühl, dass es da noch anderes geben muss. Also habe ich mich auf die Suche begeben.

IMG_4267Ich kann heute nicht mehr über alles im Detail berichten, das würde jeglichen Rahmen dieses kleinen Aufsatzes sprengen. Jedoch habe ich mich seinerzeit sehr intensiv mit dieser speziellen Disziplin beschäftigt und bin hinabgestiegen in die Unterwelt zwischen Silikondioden und Germaniumtransistoren, um meine persönliche Wahrheit zu finden. Es gibt hierzu eine unglaubliche Vielzahl an Produktvideos im Internet zu bestaunen, die meisten mit tollen und nervigen Gitarrensoli, schön ausgeschmückten Analysen oder professionell produzierten Arrangements. Man kann sich quasi zu Tode informieren über die tollen Features mancher Hersteller.

Um den seriösen Anschein zu wahren möchte ich an dieser Stelle einen kleinen Auszug aus einer Bachelor-Thesis aus dem Jahr 2012 von Jonas Treuter im Studiengang Audiovisuelle Medien an der Hochschule der Medien Stuttgart zitieren (Arbeitstitel: Gitarren-Effekt-Pedale: Wahrheit, Mythen und Möglichkeiten): „Neben einigen Widerständen sorgen zwei Germanium-Transistoren für die heftige Verzerrung, wobei der erste Transistor den zweiten übersteuert.“ Ferner „…wurden die Germanium-Transistoren durch Silizium ersetzt, da sie weniger Toleranzen aufweisen.“

Ohne jetzt zu tief in die Technik einsteigen zu wollen (und das könnte ich auch gar nicht mehr, da ich inzwischen alles wieder vergessen habe), bläst die Germaniumschaltung leicht anders in Horn als der Silikon-Fuzz. Zugegeben: Beide machen ausreichend Krach und das war auch immer meine Intention. Wir reden hier „nur“ über Klangfarben: Während der Muff mit seiner Silikonschaltung crunchy-rockig, mittenbetont, zuweilen kratzig oder bissig daher kommt, wirkt ein Germanium-Fuzz dagegen eher trocken und knarzend, aber weniger kratzend, bzw. rau, dafür basslastiger und wärmer.

Ist auch irgendwie schwierig das mit Worten zu beschreiben, genauso unsinnig wie sich Soundsamples in grottiger Qualität über das Internet anzuhören, um auf dieser Basis einen genauen und kaufentscheidenden Eindruck des Artikels zu bekommen. Am Ende muss man dann doch den nervigen Gang zum Musikfachhändler des Vertrauens antreten und sich vor den Ohren anderer (noch viel besser Gitarre spielender) Egomanen blamieren, weil man kein schönes Solo hinbekommt. Außerdem spielt man i.d.R. auf einem Verstärker, der von vorneherein schon zehnmal besser als der eigene klingt. Eventuell auch genau anders herum, aber das spielt jetzt keine Rolle. Es ist meiner Meinung nach vollkommen unmöglich in einem fremden Umfeld vor fremden Publikum eine so wichtige Entscheidung zu treffen. Ich fühle mich dann irgendwie nackt, entblößt, dem Pöbel ausgesetzt. Meine Ideen reifen, wenn ich mit meinem Instrument alleine sein kann und minuten- ggf. stundenlang dasselbe vor mich hin spielen kann. Zudem gebe ich ungern eine Kostprobe von Halbgarem und wenn doch, dann schäme ich mich anschließend, weil dem Gemälde noch der Himmel gefehlt hat. Zu guter Letzt nerven mich die Verkäufer.

Ich bin mir heute zwar nicht mehr ganz sicher, wie ich bei Orion Effekte gelandet bin, aber ich hatte hier gleich ein gutes Gefühl, als ich angefangen habe zu recherchieren. Das One-Man-Unternehmen wird von Jan van Triest geleitet, der Anfang 2000 mit der rebellischen Viva-Zwei-Grungeband „Union Youth“ seine Erfolge feierte. Die Musik dieser Band, als auch seiner Vorgängerband „Jonas“, finde ich übrigens gut. Als gelernter Elektroniker hat er sich nach der Trennung in 2006 auf das Effekte-Bauen konzentriert. Als ehemaliger Gitarrist einer Grungeband scheint er somit zu verstehen, um was es geht. In einem YouTube-Video stellt er sein Unternehmen, bzw. seine Werkstatt und den Sinn des Ganzen in nüchterner, nordischer Gelassenheit vor. Ganz witzig.

Kurzum: Ich habe mir die Fuzz-Variationen aus dem Hause Orion Effekte genauer angeschaut. Das witzige daran ist, dass die Schaltung einiger seiner Fuzz-Geräte auf der des EHX Big Muffs basiert, quasi ein modifizierter Muff. Warum nicht? Warum nicht das Bewährte optimieren anstatt grüne Wiese? Natürlich haben mir die Soundsamples und Produktvideos nur eingeschränkt weitergeholfen, um den für mich besten Fuzz auszuwählen. Also habe ich zur email gegriffen und bekam recht schnell eine Antwort im Sinne: Versuch den Motor Fuzz Deluxe und wenn er Dir nicht taugt, dann schick das Ding einfach zurück. Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass die Abwicklung über ein unter Musikern bekanntes Versandhaus (natürlich reibungsfrei) ablief. Das war mir hinsichtlich der oben genannten Problematik auch sehr recht, dass sogar ein Boutique-Hersteller zum aktiven Gebrauch des Fernabsatzrechts rät. Zugegeben: Was soll er schon tun? Er muss die Teile zurücknehmen, wenn sie dem Kunden nicht gefallen. Das ist rechtens. Allerdings bin ich kein typischer Zurückschicker und ehrlich gesprochen ist mir ist der Aufwand zu hoch bei jeder bevorstehenden Kaufentscheidung das komplette Internetangebot zu bestellen, um 99% davon innerhalb von 14 Tagen wieder zurück zu schicken. Ich finde das auch nicht ganz fair gegenüber den Anbietern, schon gar nicht, wenn die Artikel von einer Person in Handarbeit hergestellt werden. Ich möchte den Diskurs über die Vor- und Nachteile von Fernabsatzverträgen an dieser Stelle abbrechen, da das wieder ein völlig eigenständiges Kapitel darstellt und mich hier nicht weiterbringt.IMG_4254

Und dann hatte ich das Teil endlich und mir ging das Herz auf. Wie bereits oben nur in Ansätzen beschrieben knarzt der Motor Fuzz Deluxe richtig schön daher. Gefällt mir. Er bietet genug Druck untenrum, ohne dabei die Transienten zu stark zu verwischen. Außerdem reagiert das Teil extrem dynamisch auf die Saitenanschläge. Mit einem weiteren Dämpfungsregler, der die Deluxe-Variante ausmacht, kann man diese Dynamik noch weiter hervorheben. Egal, welche Einstellung man wählt, es knarzt satt und angenehm aus den Boxen. Der Rest ist einfach solide und genau das, was er soll. Er macht angenehmen, gut klingenden Krach, ohne die Transparenz allzu stark zu beinträchtigen. Verglichen mit dem EHX Muff: Beide Effekte lassen eine gewisse Transparenz zu. D.h. der Klang wird nicht zu matschig, man hört noch die einzelnen Saitenanschläge, bzw. Töne. Allerdings wirkt der Germanium-Fuzz noch knackiger, frischer oder präsenter. Ich bin rundum zufrieden mit dem Teil (wenn man das so ausdrücken kann).

Jetzt lassen wir weitere Vergleiche, da die sowieso nur subjektiv sind und ich jetzt zum Ende kommen möchte. Was zusätzlich zu meiner Kaufentscheidung beigetragen hat, war nicht nur, dass der Kasten gut klingt, sondern auch die Tatsache, dass das Produkt für mich ein Gesicht hat. Das finde ich sehr löblich. Damit kann ich mich viel besser mit dem Blechhaufen identifizieren, der da so regungslos vor mir auf dem Boden liegt. Außerdem war die Entscheidung für den Bandkontext wichtig, da Markus auch den Big Muff spielt. Somit haben wir neben seiner singenden Gitarre auch eine scheppernde: Meine. Und das ist gut für die Differenzierung.
Ich spiele den Motor Fuzz beispielsweise beim dem Song „der Irre“ oder „Edinburgh“ auf unserem aktuellen Album. Vielleicht hört ja der eine oder andere die ultimative Knarz-Zerre raus.

In diesem Sinne: Danke fürs Durchlesen.
RoggnRoll.
Dennis

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